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Dany Cage – Rockclub gegen den luxemburgischen Kleinbürgermuff

Ein Ort, der verschwinden sollte

In Dany Cage – Histoire d’une émancipation (2024) markiert Joe Cockers With a Little Help from My Friends die letzte Schallplatte, die im ersten psychedelischen Rockclub Luxemburgs aufgelegt wird, bevor die Polizei den Betrieb beendet. Das Lokal in der Rue Beaumont schließt 1972 endgültig. Der Songtitel taugt hier weniger als Sentiment denn als nüchterner Hinweis auf die Entstehungsbedingungen des Films: Knapp fünfzig Jahre später wagt Regisseur François Baldassare mit Hilfe engagierter Zeitzeuginnen und Zeitzeugen – ehemaligen Gästen, politischen Akteurinnen und Akteuren sowie dem damaligen Betreiber Danilo Gauny – die Rekonstruktion eines Ortes, von dem kaum Bildmaterial existiert.

 

Klang gegen Ordnung

Mangels Archivs erzählt der Film über Umwege: über die Entstehung des Clubs, über das soziale Klima Luxemburgs am Ende der 1960er Jahre und über die begrenzte, aber reale Resonanz der Protestbewegungen von 1968 auf eine kleine Minderheit Jugendlicher, die sich dem autoritär-konservativen Konsens entzog. Dass Rockmusik der 1960er und 1970er Jahre politisch wirkte, ist bekannt; bemerkenswert ist hier der lokale Kontext. Abgesehen von streng reglementierten Thé Dansants existierte bis 1969 kein Ort, an dem diese Musik gehört und getanzt werden konnte – erst Dany Cage füllte diese Leerstelle.

Der Film entstand mit geringen finanziellen Mitteln und privaten Spenden, getragen vom erklärten Wunsch, diese Episode festzuhalten. Präzise arbeitet er die Rolle des damaligen Club-DJs Men Maas heraus, dessen Pariser Einkäufe und musikalische Kompetenz dem Club einen Vorsprung verschafften: King Crimson, Zappa, Stockhausen oder Terry Riley liefen hier, zu einer Zeit, als selbst Radio Luxemburg musikalisch hinterherhinkte. Der aus Miami stammende Zeitzeuge Robert Friedman beschreibt, wie sich der Ruf des Clubs durch Mundpropaganda verbreitete; für reisende Hippies durch Europa galt ein Besuch als Pflicht. Entsprechend traten auch Bands wie We Feel oder Magma auf, frühere Mitglieder kommen zu Wort.

 

Unter Beobachtung

Zusätzliche Schärfe gewinnt der Film durch Stimmen, die heute fehlen: der Betreiber Danilo Gauny († 2024) ebenso wie der Rechtsanwalt Gaston Vogel († 2024), der Luxemburg als „monde obsolet“ charakterisiert und die seinerzeitige rechtliche Entrechtung von Frauen benennt. Als ehemaliger Präsident der Studentenbewegung ASSOSS erinnert er an kirchlichen Zwang, autoritäre Schulstrukturen sowie an Proteste gegen den Vietnamkrieg, gegen die Kriegspropaganda durch amerikanische Filme wie The Green Berets mit John Wayne  und gegen die Politik Nixons.  Angedeutet werden zudem der Studentenprozess von 1971 und die Solidaritätsbewegung nach dem Schulverweis von Schülern des Diekircher Lycée.

Der legendäre Rockclub befand sich ausgerechnet direkt gegenüber der „Paterkiirch“ in der Hauptstadt, stand damit unter ständiger sozialer Beobachtung – und doch saß seine Kundschaft, wie Clubgast Marc Bollendorff rückblickend schildert, demonstrativ entspannt auf der Kirchenmauer: ein unübersehbarer Affront gegen den gesellschaftlichen Kodex jener Zeit. Polizeiliche Kontrollen und administrative Schikanen zielten nicht nur auf die Schließung des Ortes, sondern auf seine vollständige Tilgung aus dem kollektiven Gedächtnis. 

 

Warum es keine Bilder gibt

Ein zentraler Schwachpunkt der Dokumentation – und das macht der Film unübersehbar – liegt im fast vollständigen Fehlen von Bild- und Fotomaterial des Clubs selbst. Von Dany Cage existieren kaum visuelle Zeugnisse. Das ist weniger ein Mangel des Films als vielmehr ein Symptom jahrzehntelanger kultureller Ignoranz in Luxemburg. Alltags- und Subkultur galten lange nicht als bewahrenswert, insbesondere dann nicht, wenn sie dem offiziell katholisch geprägten Selbstbild widersprachen. Was nicht repräsentabel war, wurde nicht archiviert – und verschwand.

Das häufig vorgebrachte Argument, man habe sich in einer Zeit bewegt, in der Fotografieren noch nicht alltäglich gewesen sei, greift hier zu kurz. Fotografie war Ende der 1960er Jahre längst etabliert, wurde im Umfeld des Clubs jedoch bewusst aus Vorsicht vermieden. Sichtbarkeit bedeutete Risiko: soziale Sanktionen, berufliche Nachteile, familiäre Konsequenzen. Der Mangel an Bildern ist somit kein technisches Defizit, sondern Ausdruck realer Repression.  

 

Entmündigte Frauen, kontrollierte Jugend

Vor diesem Hintergrund zeichnet die Dokumentation ein ernüchterndes Bild des Luxemburgs der späten 1960er Jahre: kulturell provinziell, autoritär strukturiert und tiefreligiös geprägt. Besonders scharf tritt dabei die desolate Stellung der Frauen hervor. Verheiratete Frauen waren rechtlich entmündigt, dem Ehemann untergeordnet und gesellschaftlich marginalisiert. Neben den Aussagen von Gaston Vogel kommen hierzu auch die Stimmen der Politikerinnen Lydie Polfer und Jacqueline Breuer zu Wort. Der Film benennt diese Zustände nüchtern und macht deutlich, dass Repression nicht nur eine Randerscheinung der Gegenkultur war, sondern tief in den gesellschaftlichen und rechtlichen Strukturen des Landes verankert lag. 

 

Ein Gegenarchiv

Gerade darin liegt die historische Bedeutung des Films. Dany Cage – Histoire d’une émancipation dokumentiert nicht nur das Ende eines Clubs, sondern macht sichtbar, wie eine kleine Minderheit junger Menschen der gesellschaftlichen Enge Luxemburgs praktisch entgegentrat und sich über Rockmusik einen Freiraum schuf, den es in dieser Form erstmals im Land gab. In seiner formalen Beschränkung erweist sich der Film damit als präzises Gegenarchiv zu einer Zeit, die Nonkonformität lieber verdrängte als dokumentierte. Zugleich macht er deutlich, dass man heute hoffentlich klüger im Umgang mit kulturellem Erbe geworden ist, nachdem das urbane Kulturleben Luxemburgs über Jahrzehnte hinweg systematisch vernachlässigt, kaum dokumentiert und damit faktisch dem Verschwinden überlassen wurde.

C.J.F Schiltz 2025

Info: RTL zeigt den Film am 30.12.2025, um 20 Uhr

https://play.rtl.lu/shows/lb/feierdeeg-spezial/episodes/r/3435769

 

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